Mittwoch, 3. April 2013

Der Entzug und ich

Es klang alles so gut. Schluss mit Rauchen, jeden Tag Sport, mehr Grünzeug essen, länger schlafen, weniger Fusel trinken. Und so weiter. Kurz gesagt: Man werfe einfach alle Laster über Bord, nehme das Ruder in die Hand und mache sich auf zu neuen Ufern – da hinten war die grüne, fleisch- und rauch- und konsumfreie Insel schon in Sicht, ich konnte die reine Luft riechen und meine noch nicht vorhandene Fitness spüren. Es würde wunderbar werden und ganz einfach. Hatte mir jedenfalls Allen Carr versprochen. Sein furchtbar langweiliges und langatmiges und langwieriges Buch auf dem Weg zum Nichtraucher löst zunächst starke Euphorie aus. Am Höhepunkt seines Werks – am Ende – fühlt man sich, als hätte man zwölf Stunden die Papstwahl auf N24 in Dauerschleife verfolgt. Glücklich, erschöpft und leicht verstört.
Sie wollten applaudieren.






Und dann war es soweit: Ich drückte die letzte Zigarette siegessicher aus. Sogar Dicki und Pörli jubelten mir zu. Ein wenig. Gut, es war vielleicht mehr ein Schmatzen, aber ich weiß, sie hätten applaudiert, wenn sie gekonnt hätten. Sind eben nur Katz… ich schweife ab. Ich drückte also meine letzte Zigarette aus. Schlief. Wachte auf. Und der Trip begann.

Es passierten schlimme Dinge während des Entzugs. Meine eigene Toleranzgrenze war etwa dort, wo ich auch Krümel im Bett ansiedeln würde. Ich hasste einfach alles. An vieles kann ich mich nur schemenhaft erinnern. Die schweißnassen Hände zum Beispiel. Der ständige Speichelfluss. Das apathische Kopfnicken. Die ängstlichen Blicke der Passanten.

Mein Arzt sagte, der Kalte Entzug könne bösartig aggressive Verstimmungen mit sich bringen, nicht der Rede wert, wenn man die Woche abgeschottet in der Gummizelle verbringen würde. Das eigene Umfeld sei doch potenziell gefährdet. Papperlapapp, sagte ich ihm, das sei nicht nötig, das würde mir nicht passieren, ich sei ein friedfertiges Wesen, auf Harmonie bedacht, Nächstenliebe mein Kredo.

Ich wünschte, ich könnte jetzt schreiben, ich hätte Recht behalten. Ich wünschte auch, ich wäre nicht diejenige gewesen, die den armen Postmann mit dem 10-Kilo Paket des Nachbarn wieder weg schickte. Die dem Müllbeutel desselbigen Nachbarn einen gehörigen Tritt verpasste, dass die Tüte aufplatzte. Die ihr eigenes Fahrrad umwarf. Einfach so. Ich wünschte auch, ich wäre nicht die gewesen, die dem Kind im Bus diese Fratze schnitt, dass es anfing zu schreien und die ganze Fahrt mit dem Finger auf mich zeigte.

Sinnlose Experimente während des Enzugs
Ich wünschte auch, ich hätte nicht das eh schon kohlrabenschwarze Brötchen noch einmal bei 200 Grad gebacken, nur um zu sehen, was passiert,  nur um mich abzulenken von den garstigen Entzugserscheinungen. Und ich wünschte, ich hätte nicht diese Todessehnsucht beim Abreißen der Frischhaltefolie bekommen und die gesamte Packung in den Müll gepfeffert. Ich wünschte, ich hätte es wenigstens dabei belassen, anstatt sie wieder heraus zu kramen und mit wirrem Haar folienschwingend immer wieder um den Baum unten auf dem Hans-Albers-Platz zu laufen.

Und dann die Sache mit dem Kaugummi… Karl, es tut mir leid. Ehrlich. Es ist vorbei.

Ich habe es geschafft. Eine Woche rauchfrei und die erste Feuerprobe gestern. Böses Besäufnis auf dem Geburtstag eines Freundes. Gutes Essen. Wodka pur. Alle qualmen. Ich nicht. Ich bin cleaner als alle Nichtraucher zusammen! Ich bin so von mir selbst überzeugt, dass ich jetzt auch meine anderen Süchte besiegen will: Neben dem Nikotin wurde ich nämlich auch Opfer der Kosmetikindustrie. Ein hoffnungsloser Mascara- und Labello-Junkie. Ohne Wimperntusche sehe ich aus wie ein abgelecktes Kaninchen und wenn mein Perlglanz-Labello alle ist, werde ich nicht nur furchtbar nervös, es hängen auch schon nach wenigen Stunden blutige Hautfetzen von den Lippen.

Aber jetzt sage ich Tuschekamm und Fettstift den Kampf an! Mal sehen, was passiert. Meine Nachbarn grüßen mich seit dem Vorfall mit der Folie sowieso nicht mehr. Das macht aber nichts. Endlich bin ich frei!

PS. Wer das Experiment mit dem Brötchen nachmachen möchte: Lasst es lieber, das lohnt nicht. Es wird nicht noch schwärzer oder löst sich in Luft auf oder so. L

Freitag, 22. März 2013

Mein Schnupfen und ich

Ich nenne sie Langoliers. Ihr wisst schon. Wie die zottelig-haarigen Monster mit Kreissägemund, die sogar Beton futtern konnten. Hier, ich habe den Beweis. Die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen:



So sieht das HI-Virus unter dem Mikroskop aus.









Vorhin hab ich einen erwischt. Er war winzig und kugelig und pelzig und hat mich ganz erstaunt angeguckt. Wahrscheinlich fragte er sich noch, wie es passieren konnte, dass ich ihn hinaus katapultiert habe. Dann zerquetschte ich ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Übrig blieb ein kleines Bündel Fell und ein paar kümmerliche Zähnchen. Hab seine Überreste im Aschenbecher bestattet.

Ich stelle mir vor, wie seine feigen Langolierfreunde meine schönen, gesunden Zellen aufmampfen und sie zu grünem Schleim werden lassen. Dabei kitzeln sie mit ihrem zotteligen Fell an meinen Nasenhaaren, sodass ich unaufhörlich niesen muss. Ich schätze das nicht!

So ein Langolierschnupfen ist ne üble Sache. Es ist einem schon länger leicht blümerant zumute. Das liegt daran, dass die Langoliers noch gemütlich durch die Schleimhäute spazieren und sich die besten Plätze suchen, bis die Vorstellung los geht. Wenn sie es sich bequem gemacht haben (gern im Rachen, in der Lunge und am liebsten in den dunklen Nebenhöhlen, wo es schön warm und feucht ist), dann wird erst mal gevögelt, was das Zeug hält. Da gehts zu wie im Freudenhaus. Da werden wahre Orgien gefeiert! Ich weiß das, ich kann sie hören! Nicht, dass meine unbedarften, unschuldigen Zellen das wollten, aber sie haben keine Wahl. Wenn der Langolier sich erstmal verbissen hat, werden sie selbst zu Mutanten und produzieren noch mehr kleine Langolierkinder.

Den Rest kennt man ja. Es folgen einige quälend langweilige Tage im Bett. Aber zum Glück habe ich dank meiner 5 Erkältungen (alle dieses Jahr) einige prima Beschäftigungstherapien entwickelt (zum Teil noch nicht marktreif, daher bitte nicht nachmachen).

Ich baue einen hüfthohen Eisberg aus Taschentüchern. Mache ein Foto davon und schicke es zum Museum für abstrakte Kunst.

Tippe wie blöde auf meinem Rechner rum und rauche wie Humphrey Bogart. Gegen die tränenden Augen setze ich meine Schwimmbrille auf.

Nestle vor jedem Nieser wie blöd an der Taschentuchverpackung rum. Mache erste Zeichnungen für einen Nasenkatheter.

Bleibe möglichst lange bewegungslos liegen, bis der Hintern eingeschlafen ist. Von der Erlösung, wenn man sich wieder bewegt, hat man 5 Minuten lang was. Mindestens.

Trinke hektoliterweise Tee und Wasser. Mache erste Zeichnungen für einen kombinierten Blasen-Nasen-Katheter.

Gucke mir süße Katzenvideos an. Bekomme Schnappatmung und infolge einen Hustenanfall. Teste, wie viele Salbeibonbons auf einmal in meinen Mund passen. 21.

Gucke interessiert den Homeshoppingkanal und bestelle einen Tischstaubsauger. ("Ausgestattet mit 2x AA Batterien geht es den Krümeln an den Kragen!")

Mache süße Katzenvideos von Dicki und Pörli. Stelle fest: schlafende Katzen sind unspektakulär.

Stelle die Farben meines Fernsehers so ein, dass alles grün ist. Schaue durch meine blaue Schwimmbrille und freu mich. 

Melde das Patent für den Nasenkatheter an und gucke Stephen King's Langoliers.






Donnerstag, 21. März 2013

Der Bär und ich

Ihr glaubt es nicht! Bin heute mit einem Bären im Bus gefahren. Dachte erst, der sei entlaufen und wild und so, aber dann hat der ne Fahrkarte gekauft und sich neben mich gesetzt. Und ich so: "Äähh, aaahh, Hilf...-", und dann der Bär: "Hält der auch in Othmarschen?". Naja und dann fiel mir der Moschus-Geruch auf und dann hab ich gemerkt, das ist gar kein sprechender, nach Moschus riechender Bär, das ist ne Frau mit nem Bären drum. Die sah plötzlich total beknackt aus, hatte nämlich auch noch kackbraune Nerzstiefel an.

Dachte eigentlich, die Pelz-Mode sei so aus der Mode gekommen, dass es keine Pelz-Mode mehr gibt. Immerhin: eine kürzlich erhobene Umfrage unter Kängurus, Nerzen und Füchsen hat ergeben, dass sie es heute viel erstrebenswerter finden, dem hippen Hipster als Tasche oder Fuschsschwanz zu dienen, statt wie damals von runzligen Omas mit Echt Kölnisch Wasser eingedieselt zu werden. Na bitte.

"Lieber nackt als im Pelz" ist also gescheitert, Peta hat versagt. Die müssen sich um andere Dinge kümmern. Zum Beispiel winzige Schildkröten und Salamander aus Schlüsselanhängern befreien. Die Chinesen finden das nämlich très chic. Und wer jetzt denkt, die armen Tiere verhungern doch da drin, der wusste vermutlich nicht, dass die Chinesen herzensgute Menschen sind und das Wasser in dem kleinen Plastikbeutel mit Nährstoffen angereichert haben. Damit können Schildkröte und Co. locker ein paar Wochen überleben. Siehste, alles prima. Und wenn nun eines der Tiere auf den dummen Gedanken kommt, sein Dasein als Schlüsselanhänger sei sinnlos? Keineswegs! Wenn Mensch unterwegs Hunger kriegt, kann er sein Accessoire schnell überm Feuerzeug garen, happs, weg, lecker, und das Leben hatte wieder einen Sinn.

Noch besser geht es aber den Schweinen aus der Massentierhaltung. Schließlich "wird da vom Tier alles, ja wirklich alles, verwertet." Das wird die vielen Ferkel sicher beruhigen, die ihre unbrauchbaren Reste nun in Zigarettenfiltern oder den Bremsscheiben von Zügen finden. Klasse. Für alle Vegetarier, Moslems und Juden bedeutet das aber nur eine kleine - wirklich nicht schlimme! - Einschränkung. Nie wieder Bahn fahren, rauchen ist sowieso out und achja, Brot können wir leider auch nicht mehr essen. Da ist nämlich ebenfalls Schwein drin, und zwar in Form von aus Haaren gewonnenem Eiweiß, um den Teig geschmeidiger zu machen.

Also, weitermampfen, was das Zeug hält, liebe Leute. Und wenn die große Hungersnot ausbrechen sollte, gibts da ja noch die nahrhaften Bremsscheiben der Deutschen Bahn.
In diesem Sinne, wohl bekommts.

PS. Wer die Sache mit den Schlüsselanhängern jetzt doch nicht mehr so hip findet wie die Chinesen, der kann hier eine Petition dagegen unterzeichnen: http://www.avaaz.org/de/petition/Stoppen_der_GluecksbringerTierquaelerei_in_China/

und PPS. es gibt endlich ein Kochbuch, das über die Herkunft der fleischigen Zutaten informiert - in Zeiten von skandalösen Lasagnen mit Pferd ne super Sache. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,887054,00.html