Es klang alles so gut. Schluss mit Rauchen, jeden Tag Sport,
mehr Grünzeug essen, länger schlafen, weniger Fusel trinken. Und so weiter.
Kurz gesagt: Man werfe einfach alle Laster über Bord, nehme das Ruder in die
Hand und mache sich auf zu neuen Ufern – da hinten war die grüne, fleisch- und
rauch- und konsumfreie Insel schon in Sicht, ich konnte die reine Luft riechen
und meine noch nicht vorhandene Fitness spüren. Es würde wunderbar werden und
ganz einfach. Hatte mir jedenfalls Allen Carr versprochen. Sein furchtbar langweiliges
und langatmiges und langwieriges Buch auf dem Weg zum Nichtraucher löst
zunächst starke Euphorie aus. Am Höhepunkt seines Werks – am Ende – fühlt man
sich, als hätte man zwölf Stunden die Papstwahl auf N24 in Dauerschleife verfolgt.
Glücklich, erschöpft und leicht verstört.
Und dann war es soweit: Ich drückte die letzte Zigarette siegessicher aus. Sogar Dicki und Pörli jubelten mir zu. Ein wenig. Gut, es war vielleicht mehr ein Schmatzen, aber ich weiß, sie hätten applaudiert, wenn sie gekonnt hätten. Sind eben nur Katz… ich schweife ab. Ich drückte also meine letzte Zigarette aus. Schlief. Wachte auf. Und der Trip begann.
| Sie wollten applaudieren. |
Und dann war es soweit: Ich drückte die letzte Zigarette siegessicher aus. Sogar Dicki und Pörli jubelten mir zu. Ein wenig. Gut, es war vielleicht mehr ein Schmatzen, aber ich weiß, sie hätten applaudiert, wenn sie gekonnt hätten. Sind eben nur Katz… ich schweife ab. Ich drückte also meine letzte Zigarette aus. Schlief. Wachte auf. Und der Trip begann.
Es passierten schlimme Dinge während des Entzugs. Meine
eigene Toleranzgrenze war etwa dort, wo ich auch Krümel im Bett ansiedeln
würde. Ich hasste einfach alles. An vieles kann ich mich nur schemenhaft
erinnern. Die schweißnassen Hände zum Beispiel. Der ständige Speichelfluss. Das
apathische Kopfnicken. Die ängstlichen Blicke der Passanten.
Mein Arzt sagte, der Kalte Entzug könne bösartig
aggressive Verstimmungen mit sich bringen, nicht der Rede wert, wenn man die
Woche abgeschottet in der Gummizelle verbringen würde. Das eigene Umfeld sei
doch potenziell gefährdet. Papperlapapp, sagte ich ihm, das sei nicht nötig, das würde mir nicht passieren, ich sei ein friedfertiges
Wesen, auf Harmonie bedacht, Nächstenliebe mein Kredo.
Ich wünschte, ich könnte jetzt schreiben, ich hätte Recht
behalten. Ich wünschte auch, ich wäre nicht diejenige gewesen, die den armen Postmann
mit dem 10-Kilo Paket des Nachbarn wieder weg schickte. Die dem Müllbeutel
desselbigen Nachbarn einen gehörigen Tritt verpasste, dass die Tüte aufplatzte.
Die ihr eigenes Fahrrad umwarf. Einfach so. Ich wünschte auch, ich wäre nicht
die gewesen, die dem Kind im Bus diese Fratze schnitt, dass es anfing zu
schreien und die ganze Fahrt mit dem Finger auf mich zeigte.
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| Sinnlose Experimente während des Enzugs |
Ich wünschte auch, ich hätte nicht das eh schon kohlrabenschwarze
Brötchen noch einmal bei 200 Grad gebacken, nur um zu sehen, was passiert, nur um mich abzulenken von den garstigen
Entzugserscheinungen. Und ich wünschte, ich hätte nicht diese Todessehnsucht
beim Abreißen der Frischhaltefolie bekommen und die gesamte Packung in den Müll
gepfeffert. Ich wünschte, ich hätte es wenigstens dabei belassen, anstatt sie wieder
heraus zu kramen und mit wirrem Haar folienschwingend immer wieder um den
Baum unten auf dem Hans-Albers-Platz zu laufen.
Und dann die Sache mit dem Kaugummi… Karl, es tut mir leid.
Ehrlich. Es ist vorbei.
Ich habe es geschafft. Eine Woche rauchfrei und die erste
Feuerprobe gestern. Böses Besäufnis auf dem Geburtstag eines Freundes. Gutes
Essen. Wodka pur. Alle qualmen. Ich nicht. Ich bin cleaner als alle Nichtraucher zusammen! Ich bin so von
mir selbst überzeugt, dass ich jetzt auch meine anderen Süchte besiegen will: Neben
dem Nikotin wurde ich nämlich auch Opfer der Kosmetikindustrie. Ein hoffnungsloser
Mascara- und Labello-Junkie. Ohne Wimperntusche sehe ich aus wie ein
abgelecktes Kaninchen und wenn mein Perlglanz-Labello alle ist, werde ich nicht nur furchtbar
nervös, es hängen auch schon nach wenigen Stunden blutige Hautfetzen von den
Lippen.
Aber jetzt sage ich Tuschekamm und Fettstift den Kampf an! Mal
sehen, was passiert. Meine Nachbarn grüßen mich seit dem Vorfall mit der Folie
sowieso nicht mehr. Das macht aber nichts. Endlich bin ich frei!
PS. Wer das Experiment mit dem Brötchen nachmachen möchte: Lasst
es lieber, das lohnt nicht. Es wird nicht noch schwärzer oder löst sich in Luft
auf oder so. L

Ich habe während des Lesens mitgelitten, Marthe... und das als Nichtraucher! Ich bin stolz auf Dich. Du schaffst das! Alles Liebe wünscht Dr. Lampe
AntwortenLöschenoch madi, das mit dem Nicht-Rauchen kann ich nur gut heißen. Ist halt gesünder, Kind! aber Labello und Mascara(Spinnenbeine olé!!)auch gleich noch weg lassen....wenn, dann quälst du dich aber richtig, was? Ich hab jedenfalls gut gelacht beim Lesen deiner Leidensgeschichte...halt durch, Herz! Das wird!!! :-* Neddi
AntwortenLöschenFrau P., das mit dem mascara ist nicht ganz so ernst gemeint. vermutlich hätte ich auch überhaupt keine Chance, insofern versuch ichs gar nicht erst. Stell dir mal vor,ich, ohne mascara! Neeee! x)
AntwortenLöschenSaint Marthe, du hast recht ganz ohne Mascara und Labello? Ich weiß ja nicht, dann könntest du dich ja auch direkt auf den Weg nach Santiago de Compostela machen, zu Fuß von Hamburg aus!
AntwortenLöschenDer Trick mit dem Brötchen ist allerdings genial, den kannte ich noch gar nicht, nikotinfreier Rauch zum Abgewöhnen als Ersatz und bevor man anfängt Feuer im Treppenhaus zu legen, nur um sich abzulenken, ist der Trick drei mal besser! Außerdem, wenn alle Stricke reißen hast du ja immer noch einen Gutschein ;)